Julian Paul: 5 Ski-Mythen hinterfragt

Was dich wirklich besser Ski fahren lässt – und was dabei zählt

An Tipps mangelt es im Skisport nicht. Manches davon hilft wirklich. Anderes hält sich deutlich länger, als es sollte.

Mit der Zeit sind bestimmte Ideen zu festen Regeln geworden – weitergegeben von Skifahrer zu Skifahrer, von Kurs zu Kurs. Doch sobald Tempo und Kräfte ins Spiel kommen, halten viele dieser „Regeln“ einer genaueren Betrachtung nicht mehr stand.

Besser Ski fahren heißt nicht, Positionen zu kopieren.
Es bedeutet, Bewegung, Balance und Kräfte zu verstehen – und zu wissen, warum etwas funktioniert.

Hier sind fünf gängige Ski-Mythen, die wir einordnen, hinterfragen und richtigstellen – und was im Skifahren wirklich zählt.

Mythos #1: Der Oberkörper sollte immer ins Tal zeigen

Nicht ganz.

Gerade in längeren Schwüngen führt ein erzwungen talwärts ausgerichteter Oberkörper zu Gegenrotation. Das blockiert saubere Kantbewegungen und zieht dich aus einer zentrierten, balancierten Position.

Statt den Schwung zu unterstützen, arbeitet dein Oberkörper gegen ihn.

Was besser funktioniert:
Richte deinen Oberkörper in die Richtung aus, in die du dich tatsächlich bewegst. Lass ihn den Ski folgen, statt gegen sie zu arbeiten.

Ein einfacher Check: Versuche, deine Skispitzen auf nahezu gleicher Höhe zu halten.
Das ist ein guter Hinweis darauf, dass dein Körper mit dem Schwung arbeitet – nicht dagegen.

Mythos #2: Weit vorne stehen ist immer gut

Das stimmt nur zur Hälfte.

Ja – viele Skifahrer sitzen zu weit hinten.
Aber fortgeschrittenes Skifahren bedeutet nicht, aggressiv nach vorne zu lehnen. Es geht darum, Kräfte zu managen.

Mit zunehmender Geschwindigkeit und Belastung wird Stabilität wichtiger als reiner Vorwärtsdruck.

Was besser funktioniert:
Druck über den gesamten Fuß – Vorfuß und Ferse.

Denk an eine Kniebeuge im Fitnessstudio.
Die würdest du auch nicht nur auf den Zehenspitzen ausführen.
Stabilität entsteht durch Balance.

Mythos #3: Zum Carven braucht es einen extrem breiten Stand

Es sieht oft breit aus – ist es aber meist nicht.

Von der Seite wirkt die Position im Carving-Schwung häufig sehr ausgeprägt. Von oben betrachtet stehen die Ski jedoch oft gar nicht viel weiter auseinander als sonst.

Denk ans Radfahren:
Ein Bein ist gestreckt, das andere gebeugt.
Es gibt einen Höhenunterschied – aber keine massive seitliche Spreizung.

Beim Carven ist es genauso.
Entscheidend ist der Höhenunterschied, nicht eine übertriebene Standbreite.

Mythos #4: Der Kantenwechsel passiert in der Falllinie

Das stimmt – aber nur bei niedrigen Geschwindigkeiten.

Sobald die Fliehkräfte zunehmen, ist der Hauptteil eines Carving-Schwungs bereits vor der Falllinie abgeschlossen.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt befinden sich deine Ski sogar oberhalb von dir – und es kann sich anfühlen, als würdest du kopfüber den Hang hinuntergezogen.

Dieses Gefühl ist anfangs oft ungewohnt.

Aber hier liegt der entscheidende Punkt:
Sobald du den Kräften vertraust und dich mit ihnen positionierst – statt gegen sie zu arbeiten – verändert sich dein Skifahren spürbar.

Mythos #5: „Geh in die Knie!“

Für den Anfang ein guter Rat.

Für Anfänger und fortgeschrittene Skifahrer hilft Kniebeugung bei Balance und Absorption. Doch sobald du mit Tempo carvest, wird dauerhaft tiefe Beugung ineffizient.

Bei hoher Belastung brauchst du Struktur.

Was besser funktioniert:
Bleib länger auf dem Außenski stehen, um hohe G-Kräfte abzufangen – teilweise bis zum Vierfachen deines Körpergewichts.

Wieder ein Vergleich aus dem Krafttraining:
Welche Position kannst du unter Last leichter halten – sehr tief oder etwas höher?

Die Antwort ist auf Ski dieselbe.

Warum Verständnis den Unterschied macht

Besser Ski fahren heißt nicht, Positionen auswendig zu lernen. Es bedeutet, Kräfte, Bewegung und Timing zu verstehen – und zu erkennen, wann gängige Ratschläge nicht mehr greifen.

Genau diese Denkweise prägt auch unsere Herangehensweise bei ORIGINAL+:
keine generischen Lösungen, sondern Ski, die mit dem Skifahrer arbeiten – nicht gegen ihn.

Über den Autor

Julian Paul ist ORIGINAL+ Ambassador und Skicoach. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit Bewegung, Kräften und deren Zusammenspiel auf Ski. Sein Ziel ist es, Skifahrern zu helfen, effizienter, kontrollierter und im Einklang mit den wirkenden Kräften zu fahren.